Warum ist die Chili scharf?

Die in den Früchten von Paprikagewächsen (Capsicum) produzierten Scharfstoffe gaben lange Zeit Rätsel auf. Man fragte sich welchen Sinn diese Stoffe haben und empfand die Anwesenheit dieser Stoffe in den Früchten als unlogisch, denn auf Grund der teilweise immensen Schärfe der Früchte erschien ein Verzehr größerer Mengen unmöglich. Die Frucht ist eigentlich die Blüte im Zustand der Samenreifung und trägt in den Samen die Erbinformation für die nächste Generation der Pflanze in sich. Samen müssen sich jedoch auch verbreiten können um der Pflanze dienlich zu sein, deshalb sind im Laufe der Zeit verschiedenste Verbreitungsmechanismen in Wechselwirkung mit der Natur entstanden welche der jeweiligen Pflanze helfen sich in Ihrem Habitat zu behaupten.

Manche Pflanzen benutzen den Wind, andere das Wasser, wieder andere heften sich an das Fell von Tieren oder müssen gefressen werden. Paprikafrüchte machen sich den Hunger einer gewissen Tiergruppe zu Nutze aus diesem Grund erschienen ungenießbare Früchte zunächst ohne jeden Nutzen. Mittlerweile steht zweifelsfrei fest, dass Scharfstoffe die Pflanze vor Fressfeinden, Schädlingen, Bakterien, Pilzen und dergleichen schützen. Auf Grund ihrer Größe und Struktur sind die Früchte von Paprikagewächsen in der Regel für Fressfeinde leicht zugänglich, infolgedessen musste die Pflanze einen Abwehrmechanismus entwickelt welcher Fressfeinde sowie Gefahren fernverhält und sie für potenzielle Nutzlinge attraktiv macht.

Im Laufe der Evolution hat sich durch das Zusammenspiel der Pflanze mit der sie umgebenen Umwelt eine Symbiose mit Vögeln entwickelt. Vögel haben durch ihre höhere Körpertemperatur (um die 42°C) gegenüber Säugetieren (um die 37°C) einen anderen Aufbau ihrer Schmerzrezeptoren - Schärfe ist ein Schmerzreiz, kein Geschmack ! - und verspüren durch diese geringfügige Abweichung keine Schärfe beim Verzehr von Paprikafrüchten. Vögel können somit ungehindert diese Früchte genießen und sorgen dadurch für die Verbreitung der Pflanze.

Durch ihre Art der Nahrungsaufnahme wird der Samen auch nicht zerkaut und bleibt intakt. Des Weiteren ist das saure Milieu im Magen-Darmtrakt bei Vögeln weitaus weniger aggressiv als dies bei Säugetieren der Fall ist. Der Samen nimmt also auch hierdurch keinen Schaden! Er wird lediglich aufgeweicht, als Ganzes ausgeschieden und zusätzlich mit Vogelkot gedüngt. Optimale Bedingungen für das Keimen einer neuen Paprikapflanze.

Kurzschnabelelaenie

Kurzschnabelelaenie (Elaenia parvirostris) während des Essens einer Chilifrucht. Vögel der Gattung Elaenia sind die hauptsächlichen Konsumenten von Chilifrüchten.
Foto: Josh Tewksbury

Eine reife und eine schwer geschädigte Frucht

Eine reife und eine schwer geschädigte Frucht an einer nicht scharfen Capsicum Chacoense Chili Pflanze in süd-ost Bolivien. Die Frucht auf der linken Seite zeigt keine Anzeichen von Perforation durch nahrungssuchende Insekten (Schnabelkerfen) oder Anzeichen von Pilzbefall durch Fusarium semitectus, die Frucht auf der rechten Seite wurde hingegen durch Fusarium semitectus nahezu vollständig zerstört (schwarze Verfärbungen an den Samenrändern).
Foto: Tomas Carlo

Baumwanzen (Pentatomidae) auf einer reifen Chilifrucht (Capsicum chacoense)

Baumwanzen (Pentatomidae) auf einer reifen Chilifrucht (Capsicum chacoense). Narben früherer Futtersuchen sind als weißen Flecken sichtbar. Die Perforation durch Insekten erleichtert Fusarium (Pilz) das Eindringen in die Frucht.
Foto: Tomas Carlo

Chilifrucht (Capsicum chacoense) durch Fusarium (Pilz) infiziert.

Chilifrucht (Capsicum chacoense) durch Fusarium (Pilz) infiziert. Durch Fusarium befallene Früchte werden von Vögel nicht gefressen und die in der Frucht befindlichen Samen sind wahrscheinlich durch den Beifall von Fusarium nicht wachstumsfähig.
Foto: Josh Tewksbury